„…wie die Rhythmen und Zäsuren eines Gedichtes“

Nietzschestein Silvaplaner See - Katrin von Mengden Brecker
Nietzschestein am Silvaplaner See – erste „Begegnung“ mit Zarathustra

– Katrin von Mengden-Breucker und Marius Breucker über Berge und Literatur auf bergzitat.de –

Der Bergsteiger muss äußere und innere Widerstände überwinden, um ans Ziel zu gelangen. Ähnlich geht es dem Schriftsteller, der vor einem weißen Blatt sitzt und sich auf den Weg macht, eine Geschichte zu erzählen.

Nicht zufällig gehen Nietzsches Zarathustra oder Büchners Lenz „durch´s Gebirg“ – Berge stehen sinnbildlich für innere und äußere Herausforderzungen, denen sich die literarischen Protagonisten stellen und bilden die allegorische Kulisse für deren Reflektionen und Reifeprozesse.

Schriftsteller gingen selbst in die Berge, um sich mit einem Sujet und nicht zuletzt mit sich selbst auseinanderzusetzen und daraus Inspiration für ihr Werk zu gewinnen. Plakativ stellt Friedrich Nietzsche einen Zusammenhang zwischen Gebirge und Gedanken her, wobei er mit dem ihm eigenen Sendungsbewusstsein den in den Schweizer Alpen gewonnenen Gedanken auch eine entsprechende geistige Höhe beimisst: „Anfang August 1881 in Sils Maria, 6000 Fuß über dem Meer und viel höher über allen menschlichen Dingen“. Nietzsche selbst konnte aufgrund gesundheitlicher Beschwerden nicht auf die Gipfel, sondern musste sich auf ausgedehnten Spaziergängen durch die Hochtäler des Oberengadins mit deren Anschauung begnügen.

Silser See
Silser See

Etwas bescheidener geht es beim passionierten Bergwanderer Hermann Hesse zu, wenn ihn die die Konturen der Berglandschaft an die Linien und Bewegungen eines Gedichts erinnern: „Die Abwechslung von Fels und Schnee, besonnten Kanten und dunklen Schlünden an einer Gipfelkette, der launische Weg, den ein kleiner Wolkenschatten über diese zackige und zerklüftete Vielfalt hin beschreibt, können einen fesseln und entzücken wie die Rhythmen und Zäsuren eines Gedichtes.“ Dass Berge für Literaten oftmals sinnbildlich für die ursprüngliche archaische Natur stehen, brachte Hesse im Geiste der naturbeseelten Avantgarde 1910 unter anderem durch Nacktklettern am Walensee zum Ausdruck.

Walensee
Walensee

Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stellte Albrecht von Haller in seinem Epos „Die Alpen“ die Natur der Berge und die – bewusst überhöhte – idyllische und ursprüngliche Lebensform der Bergbewohner dem überfeinerten und korrumpierenden Stadtleben der Adligen und Patrizier gegenüber. Zugleich begründete er mit dem 1732 erschienenen Werk eine „dichterische Philosophie“ als Verbindung zwischen Poesie und ethisch-moralischen Gedanken, die von Kant geschätzt und später unter anderem von Schiller („Der Spaziergang“) aufgegriffen und von Hölderlin („An die Natur“) vollendet wurde.

Berglandschaft_Gipfel_Schweiz

Die Anfänge der besonderen Verbindung zwischen Bergen und Büchern, Bergsteigern und Schriftstellern sind schwer zu ergründen und berühren das grundlegende Verhältnis von Natur und menschlicher Kultur. Vielfach wird der Bericht Francesco Petrarcas über die Besteigung des Mont Ventoux im April 1336 als „Geburtsstunde“ des Alpinismus wie auch des Alpinjournalismus angesehen. Auch wenn im Einzelnen vieles umstritten ist, so ist Petrarcas Schilderung doch ein wichtiges Zeugnis der Entdeckung der Natur der Alpen im ausgehenden Mittelalter. Nach Erreichen des Gipfels stellt Petrarca im Verlauf seines Berichts innere Betrachtungen in den Vordergrund und behandelt damit das auch heute noch für viele Bergsteiger und Schriftseller zentrale Thema der Begegnung mit dem eigenen Innern.

Auf „bergzitat.de“ versammeln Katrin von Mengden-Breucker und Marius Breucker Literatur und Hintergründe zu Bergen und auf Bergen entstandenen Gedanken und laden die Leser zu einem kleinen Streifzug durch ganz unterschiedliche Berglandschaften und deren nicht minder vielfältige literarische Verarbeitung ein. Hierzu tauschte sich SBnet mit den beiden Stuttgartern aus.

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